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Unterholz



Wald. Baum. Gestrüpp. Er auf der Pirsch. Starrt im Unterholz. Er darf sich nicht rühren. Das irre Grün. Raschelnd würde es auf ihn deuten und schreien „Friss! Friss!“, Befehl an alle seine Bewohner. Menschen gehören nicht in den Wald. Sie können die Sprache des Holzes nicht lernen. Denkt er sich starrend im Unterholz. In seiner Hinterstirn ödet auch dies: Gehört der Mensch nicht in den Wald, wird er wohl auch kaum aus ihm stammen.             Wie aber kann das sein? In einer Welt, in der die einzigen Orte der Baumabwesenheit geaxtet wurden? Ohne Rodung keine Stadt, ohne Stadt kein Mensch. Wer hat die erste Stadt erbaut? Weiterhin: Obwohl ich täglich jage im Wald, gehöre auch ich nicht hier her. Ich bin unwaldig. Auch ich habe die Sprache des Holzes nicht gelernt. Vielmehr, ich trage eine Stadt der geringsten Ausdehnung stets um mich herum. Meine Schutzkleidung, städtisch. Meine Waffe, städtisch. Mein Hirn, städtisch. Schließlich auch mein Blick, städtisch. Indem ich das Holz schaue wird es verstädtert. Wenn ich also ein Tier erlege, so nicht, weil ich es und seine Wege verstehe, seine Schwachstelle erkenne und ausnutze. So erlegte ich einen Menschen. Es ist eher, als schösse ich von einer besonders niedrigen Stadtmauer auf einen Belagerer. Und selbst den verstünde ich noch besser, als das Biest im Wald.



Zeit. Trübes Blattwerk. Er starrt und denkt. Erststadt. Totem meines Dumm-Blöd-Tanz. Ich kenne deine Möglichkeiten. Es ist möglich, dass du schrittweise errichtet wurdest. Der Wald hat sich in sich selbst verirrt. Hat Wesen geschaffen, die ihn nur noch halb verstanden. Sie sind es, die die ersten Hütten errichteten. Sie sprachen Holz, aber ihr Vokabular war begrenzt. In ihrer Umnachtung stapelten sie morsche Äste zur ersten Hütten auf. Wahrscheinlich, dies. Aber hässlich. Vielleicht: Einst, in einer Zeit großer Trockenheit, schlug ein Blitz in einen morschen Baum ein und ein großer Brand tobte für viele Tage. Es war ein mächtige Feuersbrunst, undurchdringlich. Doch dann setzte der Regen ein und zurück blieb eine Lichtung. Auf eben dieser Lichtung, unter einem Häufchen Asche, lag versteckt das erste Menschenkind. Es mag sein, dass es schon immer dort lag, begraben unter vielen Schichten des Unterholzes, oder aber der Mensch ist das Kind des Feuers selbst. Sicher aber ist das Feuer der einzige Freund des Menschen in dieser knorrigen Welt. Klangvoller, dies. Aber beunruhigend.



Er liebt die Geschichte des Drachenjägers. Sie ist ihm nah. Früher wurden Streitigkeiten zwischen den Gilden in den Städten nicht durch Schiedsgerichte geschlichtet, sondern durch Krieg. Freilich, Krieg in geregelten Bahnen. Jeder Gilde war es erlaubt sich eine Hundertschaft Krieger in Vollrüstung zu halten. Und ganz so, wie ein junger Mensch sich entscheiden konnte Töpfer zu werden, der Gilde der Töpfer beitrat und die Lehre als Töpfer begann, so konnte er auch sich dazu entschließen Krieger für die Gilde der Töpfer zu werden, und die Lehre als Krieger begann. Neben Kampftechniken, Rüstungspflege und Kraftaufbau lernte er dann vor allem die Regeln des Kriegs in der Stadt. Bewaffnete Kampfhandlungen außerhalb der Marktplätze sind nicht gestattet. Kampfhandlungen zu Marktzeiten sind strengstens verboten. Ein Schwert hat genau so und so viel zu wiegen, nicht mehr als zwei schartige Stellen aufzuweisen und nicht schärfer zu sein, als für das Schneiden eines Brotes erforderlich. Und so weiter und so fort. Starrt er denkend im Unterhoilz. Eben solch ein Kriegslehrling hat sich prächtig bewiesen am Ende seiner Lehrjahre in einer Schlacht. Es gab ein Fest. Man erzählte sich bei Wein und Fleisch Geschichten vom Drachen. Ja heute, heute würde es reichen einen Menschen auf die Knie zu zwingen, aber früher, früher galt man nicht als ganzer Krieger ehe man nicht einen Drachen erschlagen hätte. Der junge Krieger war verletzt. Hatte er sich denn nicht gerade als tüchtiger Kämpfer hervorgetan. Und so rief er: „Ein Drache? Pah. Nur weil der fliegt, nur weil der brennt und doch keinen Schaden nimmt, nur weil er groß wie ein Haus ist, soll ich mich fürchten? Ha. Wartet nur, ich gehe in den Wald und dann bringe ich euch schon einen Drachen. Wollt ihr ihn am Stück oder geschnitten?“ Der ganze Saal grölte, aber der Jüngling ließ sich nicht beirren und bereitete alles vor für seinen Auszug ina den Wald. Damals gab es die Gilde der Spinne noch nicht und also auch keine Städte verbindende Straßen. Niemand hatte jemals zuvor Anlass die Stadt zu verlassen, die Stadttore galten als dekoratives Element, es gab niemanden, der sie hätte bedienen können. Der junge Krieger musste sich von der Stadtmauer abseilen. Das war ihm unangenehm, denn es war eine große Menge Menschen erschienen seinem Übermut beizuwohnen, er aber war in voller Rüstung machte am Seil hängend keinen eleganten Eindruck. Sobald er auf dem Boden vor den Mauern aufsetzte machte er sich vom Seil los und begann sich durchs Unterholz in den Wald hineinzuschlagen. Er schaute nicht links und nicht rechts, er wollte bloß schnell im Sichtschutz der Blätterdecke verschwinden. Erst nach langer Weile hielt er inne und schaute sich um.



Kannte er den Wald bisher nur von oben, von der Mauer, musste er sich nun eingestehen, sich übernommen zu haben. Nichts ähnelte den Pflanzen aus den Sagen seiner Kindheit. Kein blauer Kniedefitsch, kein simmliger Gelbtuck, kein feuerroter Rosslab. Stattdessen alles grün. Alles gleich. Würfe er sein Schwert fort und drehte sich ein paar Mal schnell im Kreis, er wäre nicht in der Lage z bestimmen in welcher Richtung es läge. Noch schlimmer aber war der Mangel an geraden Flächen. In der Stadt wird das Sichtfeld eingeteilt in Rechtecke, die zueinander in Beziehung stehen. Das Fenster in der Mauer, die Straße zwischen den Hauswänden, die Seite eines Karren, der um eine Ecke herumkommt. Klare Formen. Hier aber ließ sich nichts ordnen, es schien ihm als hätte er bloß die Wahl entweder alle Blätter, Äste und Stämme auf einmal und zusammen wahrzunehmen, oder jedes Blatt, jeden Ast und jeden Stamm einzeln. Wie sollte er so die bezeichnete Kampffläche finden? Schlimmer noch, gab es so was im Wald überhaupt?



Ratlos stemmte sich der Jüngling viele Stunden durchs Dickicht bis er wie aus dem Nichts auf eine Schneise im Gehölz stieß, die der seinen ganz glich. Er geriet in Aufregung. Wohl hatte er, seit er die Stadtmauer aus dem Blick verloren hatte, unablässlich Tiere gehört, röhren, piepsen, grunzen, aber weder hatte er bisher ein Tier erspäht, noch Zeichen ihrer Anwesenheit gesehen. Hier musste also etwas vorbeigekommen sein, das ihm an Größe glich und genauso unbeholfen war sich durch den Wald zu bewegen, wie er. Er geriet in Aufregung. Entweder war es ein Mensch, aber wie sollte der hierhergekommen sein? Oder ein Tier, dass sich für gewöhnlich nicht über den Erdboden bewegte. Er hätte nicht gedacht, dass man doch so schnell einen Drachen finden könnte. Er folgte nun der Spur und nach einiger tat sich unvermutet vor ihm der Eingang einer Höhle auf. Das ergibt Sinn, dachte er sich da, wenn der Mensch in der Stadt lebt und sich Häuser baut, um in ihnen zu schlafen, so lebt der Drache im Himmel, und wird sich zum Schlafen ebenso eine Überdachung suchen, wie der Mensch. Beide können unter den Bäumen nicht zu Hause sein. Aber heißt das, dass ich den Drachen im Schlaf antreffe? Welch Glück, ich hätte nicht gewusst, wie ich ihn aus der Luft holen sollte. Ich will meine Rüstung ablegen, um ihn nicht durch ihren Lärm zu wecken, wenn ich mich gleich anschleiche. So, nun behutsam voran. Nicht stolpern. Oh, eine Biegung. Ich kann den Eingang nicht mehr sehen. Wie dunkel es jetzt wird. Was ist das? Schnarcht der Drache? Wer hätte geda… Es hat aufgehört. Wo ist er? Ich müsste ganz nah sein. Woher das Licht? So grell. So heiß.



Prächtiges Märchen. Als Kind stets der Wunsch die Geschichte neu zu erzählen. Der Krieger verbrennt, wie schrecklich. Heute Verständnis. Nicht „Bleib in der Stadt. Der Wald ist gefährlich.“, sondern „Was ist der Wald? Ach halt‘s Maul!“ Schön. Starr-Denke im Unterholz. Taube Beine. Horch! Rechter Augenblick zum Aufbruch. Lass das Grün grölen, niemand da. Nähere Holzigkeit bärenlos. Raschfüsselnd flinkbückig dorfwärts. Ich spreche genug Holz, um zu verstehen, in welche Richtung der Grünwust zürnt. Ich finde nach Hause. Bitter: der Drachenjäger wäre im Wald gestorben, selbst wenn er Drachen erschlagen hätte. Ich beneide die Großwildjäger. Denkt flinkbückig im Unterholz. Sie stellen sich zu fünft oder sechst an den Waldrand, brüllen und brechen Äste ab, warten einfach auf das erste Ding, das aus dem Braungrün auf sie zu springt. Ich muss springen, rennen, warten, fürchten, wissen, ducken. Zu anstrengend. Hinzu → wenig Ausbeute. Heute eine Elle süße Rinde, drei Fleischpilze, ein Gewürzpilz, Ruffelkraut, drei Vorratskäfer. Keine Hörnchen, Vögel, Buschratten. Wenigstens satt während folgender drei Holzzüge, dank Vorratskäfer. Tolle Dinger.



Halt! Denkt er bückig starrend im Unterholz. Woher der Lärm? Kein Bär. Kein Grunzer. Dorf gleich da vorn. Menschenkrach? Er pirscht sich an. Blick auf den Jägeraußenposten. Viele Menschen gleicher Kleidung. Schwereisig, hartstahlig. Nicht von hier. Treiben alle Dorfbewohner zusammen. Einblickend erkennt er, es fehlen noch zwei Sammeljäger. Woher die Hartstahlenden?



Brüllt einer: „Wir sind Pflänzer! Wisset, vor einigen Tagen haben Soldaten aus dem Reich der Brandstifter, Eurem Reich, Wald in Sichtweite Trundheims, der Grünen Stadt, in Brand gesetzt. Wir werden diese Beleidigung, dieses Ketzertum, nicht weiter dulden. Als Angehörige des irren Glaubens habt ihr die Wahl entweder allem Brandstiftertum abzuschwören, oder hier und jetzt zu sterben. Sprecht!“